Luftbild Nürnberg Lichtenreuth. © Stadt Nürnberg/NÜRNBERGLuftbild_Hajo Dietz

Interview zur Stadtentwicklung in Nürnberg

Empfehlung der dba

Visualisierung der Lichtenreuther Zeile in Nürnberg. Viele fünf- bis siebenstöckige moderne Wohngebäude stehen aneinander gereiht und bilden die "Zeile".

Stadtquartier Nürnberg Lichtenreuth - Lichtenreuther Zeile

Lichtenreuther Zeile: 249 geförderte Wohnungen in neuem Nürnberger ...
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Visualisierung des Lichtquartiers in Nürnberg: fünf-stöckiges Gebäude mit abgerundeten Ecken.

Lichtquartier Nürnberg - Wohnen mit unverbaubarem Parkblick

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Für das dba Magazin – Ausgabe Bayern 2027 hat die dba Redaktion Marcus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg zur aktuellen Stadtentwicklung interviewt.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister König, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses schriftliche Interview nehmen. Die Stadt steht vor der Aufgabe, Wohnraum zu schaffen, Klimaanpassung voranzutreiben und die Lebensqualität zu erhalten – oft unter angespannten finanziellen Bedingungen. Die folgenden fünf Fragen sollen einen Einblick geben, wie Sie diese Zielkonflikte einordnen und welche Prioritäten Sie für die kommenden Jahre setzen.

Marcus König, Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg. © Stadt Nürnberg

Nürnberg braucht neuen Wohnraum – gleichzeitig wächst der Widerstand gegen Nachverdichtung, den Verlust von Grünflächen und zusätzliche Verkehrsbelastung. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen notwendigem Wachstum und dem Erhalt der Lebensqualität?

Nürnberg macht seit Jahrzehnten überwiegend Innenentwicklung, in dem wir vorhandene versiegelte Flächen neu nutzen, Freiraum schonen und Verkehr möglichst von Anfang an vermeiden. Das heißt zum Beispiel, dass wir dort nachverdichten, wo die Anbindung mit dem Öffentlichen Personennahverkehr gegeben ist wie in Reichelsdorf, oder wo bereits soziale Angebote oder Grünflächen vorhanden sind. Im Endeffekt versuchen wir also, dort baulich zu konzentrieren, wo sich gute Schnittstellen ergeben und wo durch eine höhere Dichte auch neue urbane Qualitäten entstehen können.

Dasselbe Prinzip gilt dort, wo neue Stadtviertel entstehen: Von Anfang mit Grünanlagen und Parks, Straßenbahn- und U-Bahn-Verbindungen, wie zum Beispiel in Lichtenreuth oder im Tiefen Feld. Aber natürlich brauchen solche neuen Stadtquartiere Zeit, um qualitätvoll geplant und bebaut zu werden.

Und was die Lebensqualität betrifft: Zum einen sind wir eine Stadt der kurzen Wege und in weiten Teilen eine 15-Minuten-Stadt – zum anderen gilt es, auch im übertragenen Sinne als Stadtgesellschaft weiter zusammenzurücken. Hier sorgen wir mit der Schaffung von zentralen Quartierstreffpunkten für möglichst niedrigschwellige soziale und kulturelle Anlaufpunkte für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Mit anderen Worten: Nürnberg ist lebenswert und wird es bleiben.

Luftbild Nürnberg Lichtenreuth. © Stadt Nürnberg/NÜRNBERGLuftbild_Hajo Dietz

Große Stadtentwicklungsprojekte wie Lichtenreuth oder das Tiefe Feld zeigen, wie lang der Weg von der Idee bis zur Umsetzung sein kann: Über 20 Jahre für ein Wohnquartier. Welche Hürden kann die Stadt tatsächlich beeinflussen – und wo scheitert sie an Landes-, Bundes- oder anderen Vorgaben?

Erst einmal sind zwanzig Jahre für neue, große Stadtviertel ganz normale Entwicklungszeiträume, wenn man sich auch überregionale Beispiele wie die HafenCity Hamburg, den Rheinauhafen in Köln oder die Bahnstadt Heidelberg anschaut. Man braucht einen langen Atem, um Qualität zu sichern und nicht kurzlebigen Investitionstrends und -wünschen nachzugeben. Und natürlich will die vorhandene Bevölkerung zurecht an den Prozessen beteiligt werden und mitreden. Das ist gut so und dafür nehmen wir uns die nötige Zeit.

Stadtentwicklungspolitisch würde ich mir eher wünschen, dass die Stadt bei solchen Projekten hundertprozentiger Eigentümer der Flächen wäre, um mehr Gestaltungs- und Steuerungsmöglichkeiten zu haben. Das geht aus finanziellen Gründen in Nürnberg oft nicht.

Aber gleichzeitig braucht es natürlich auch eine „Beschleunigung im Kleinen“, also eine Verschlankung und Beschleunigung der Prozesse. Auch wenn man oft das Gefühl hat, dass alles immer zäher wird und noch länger dauert, gibt es doch Lichtstreifen am Horizont. Der „Bau-Turbo“ ist hoffentlich solch ein Beispiel: Wir nutzen ihn in Nürnberg seit Inkrafttreten des Gesetzes und sind zuversichtlich, damit gemeinsam mit Privaten vergleichsweise schnell mehr Wohnungsbau aktivieren zu können.

Aufwertung des Nürnberger Stadtgrabens im Rahmen der Urbanen Gartenschau 2030. © Stadt Nürnberg/SINAI

Und auch bei anderen notwendigen Projekten des Stadtumbaus ist die geringe Geschwindigkeit ein echtes Problem: Die Transformation hin zu mehr Grün in unseren Städten dauert zum Beispiel viel zu lange – in den Straßen liegen Sparten und Kanäle, auf den Plätzen parken Autos, und andere geeignete Flächen gehören vielleicht privaten Eigentümern. Wir versuchen daher zu beschleunigen, zum Beispiel mithilfe der Urbanen Gartenschau 2030, die Plätze und Straßenflächen schneller entsiegeln hilft. Kreative Ideen müssen her, gerade in Zeiten zunehmend leerer Kassen.

Aber bei allen notwendigen Veränderungsprozessen, die Sie in Ihrer Frage ansprechen, braucht es auch und vor allem eines: Den Mut und Willen, etwas zu ändern. Vielleicht auch mal das eigene Verhalten.

Neue Stadtquartiere werben mit Familienfreundlichkeit und guter Anbindung – das klingt nach gehobenem Mittelstand. Wie stellen Sie sicher, dass auch Menschen mit kleinem Einkommen sich Wohnungen in diesen neuen Stadtteilen noch leisten können?

Zum Beispiel, indem unsere städtische Wohnungsbaugesellschaft, die wbg Nürnberg, im Wohnungsneubau, beim seriellen Bauen und auch im erschwinglichen Preissegment sehr aktiv ist.

Ein weiteres Beispiel ist unser Baulandbeschluss: Er verpflichtet Investoren, 40 Prozent geförderten Wohnungsbau zu errichten. Wenn also 100 Wohnungen entstehen, können davon 40 mit reduzierten Mieten, gefördert von Freistaat Bayern, angeboten werden. Sollten keine Fördermittel dafür vorhanden sein, greift das Nürnberger Modell des preisgedämpften Wohnungsbaus: Die Mieten von 20 Prozent der Wohnungen dürfen dann die ortsübliche Vergleichsmiete höchstens um 10 Prozent übersteigen – auch im Neubau.

Oberbürgermeister König am Tiergärtnertorplatz. © Stadt Nürnberg

Die Zukunftsaufgabe wird sein, die verschiedenen Angebote des geförderten Wohnraums räumlich als auch zielgruppenorientiert wirksam zu verteilen. So gibt es beispielsweise oft noch freie Kapazitäten im Bereich der EOF-Stufen II und III, das heißt auch Familien und Einzelpersonen mit einem mittleren Einkommen können die Vorteile des sozialen Wohnungsbaus nutzen. Gleichzeitig braucht es auch dort, wo gut durchmischte Stadtquartiere entstehen, passende Unterstützungsangebote, um Begegnung zu schaffen, Teilhabe zu ermöglichen und eine solidarische Nachbarschaft zu fördern.

Wenn man heute auf Nürnberg im Jahr 2040 blickt: Woran soll man erkennen, dass die Stadtentwicklung der vergangenen Jahre erfolgreich war? Welche Veränderungen sollen die Menschen dann ganz konkret im Alltag spüren?

Wenn die Nürnbergerinnen und Nürnberger 2040 aus ihrem Fenster schauen, sehen sie viel urbane Lebensqualität: Sie kommen barrierefrei schnell dort an, wo sie hinmüssen und haben die Nahversorgung, erholsames Grün und kulturelle Angebote in fußläufiger Entfernung. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen sich keine großen Gedanken um die Fragen der Daseinsvorsorge machen, weil Themen der Energieversorgung, Gesundheit, Soziales und Bildung nachhaltig und lebensnah in die Alltagswelt integriert sind. Sie sind im Austausch mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn, sehen und akzeptieren unterschiedliche Lebensweisen, weil wir eine Stadt für alle sind, die sich am Gemeinwohl orientiert. Wenn sich die Nürnbergerinnen und Nürnberger sicher und zuhause fühlen, dann haben wir viel richtig gemacht – gesellschaftlich wie in der Stadtentwicklung.

Drohnenaufnahme der Kongresshalle in Nürnberg. © Stadt Nürnberg/7Streich GmbH

Ganz konkret könnte das 2040 beispielsweise so aussehen: Sie kommen mit der neuen Stadt-Umland-Bahn aus Herzogenaurach und Erlangen ganz entspannt über den Norden der Stadt nach Nürnberg gefahren. Von der Altstadt aus spazieren Sie zunächst durch einen kühlen, grünen und lebendigen Stadtgraben, um dann über die Südstadt.Klima.Meile zu gehen, die seit der Landesgartenschau 2030 die lebendige, klimaresiliente Achse Richtung Süden ist. Mit der Tram fahren Sie dann weiter gen Südosten, um entweder eine Vorlesung in der UTN, der University of Technology Nuremberg zu besuchen oder einfach am Lichtenreuther Park in einem Café zu sitzen und den Tag gemütlich neben spielenden Kindern aus der Nachbarschaft ausklingen zu lassen. Oder Sie gehen weiter zur Kongresshalle – und erleben dort Kunst und Kultur in den Ateliers oder besuchen eine Aufführung unseres Staatstheaters in der zeitgemäßen Spielstätte im Inneren der Kongresshalle.

Die finanziellen Spielräume der Kommunen werden enger, gleichzeitig steigen die Erwartungen an Wohnungsbau, Klimaanpassung, Verkehr und Infrastruktur. Wenn Sie in den kommenden Jahren bewusst auf ein großes Vorhaben verzichten müssten, um andere Projekte zu sichern – worauf könnten Sie am ehesten verzichten und warum?

Zum Glück leben wir in einer Demokratie und nicht ich setze eigenmächtig den Rotstift an, sondern ich leite den Dialog mit dem Stadtrat, der Verwaltung und den Bürgerinnen und Bürgern. Am Ende des Dialogs wird es kleine und große Streichungen geben, die weh tun.

Klar ist für mich persönlich: Bei Schulen und Kindertagesstätten, dem Öffentlichen Personennahverkehr sowie bei Klimaschutz und Klimaanpassung sollten wir möglichst nicht sparen. Das ist echte, unverzichtbare Daseinsvorsorge!