Stadtentwicklung in Freising

Tobias Eschenbacher
Oberbürgermeister Stadt Freising
© Stadt Freising

Freising ist mehr als die lebendige Kreisstadt mit der großen Geschichte, die – als älteste Stadt an der Isar – mit Fug und Recht als das „Herz Altbayerns“ gilt und 2024 in einem überregional bedeutsamen, historisch-kulturell und spirituell geprägten Jubiläumsjahr gemeinsam mit Freistaat, Kirche und einer Bayerischen Landesausstellung der Ankunft des Hl. Korbinian vor 1300 Jahren gedenken wird.

Freising ist auch Oberzentrum, moderne, junge Schul- und Universitätsstadt, ein spannender Wirtschaftsstandort, Heimat für rund 50 000 Einwohner/-innen – und damit konfrontiert mit allen Fragen einer verantwortungsvollen, zukunftsfähigen Stadtentwicklung, die auch in Zeiten knapper Mittel Daseinsvorsorge und Lebensqualität in den Fokus nimmt.

Wie überall in der Metropolregion München werden Leben und Wohnen immer kostspieliger. Die Balance zu halten zwischen Siedlungsdruck, den begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten und einem Anspruch an qualitätsvolles, sozialverträgliches Bauen ist eine Gratwanderung für Stadtrat und Verwaltung. Bei der Stadtplanung mitzudenken sind dabei ausdrücklich nachhaltiger Klimaschutz und die Förderung einer zukunftsfähigen Mobilität, die eine Stärkung des Umweltverbundes in den Mittelpunkt rückt. Wertvolle Anstöße und die Umsetzung greifbarer Projekte erwartet sich die Stadt dabei u.a. auch von ihrer aktiven Partizipation an der auf einen Zeitraum von zehn Jahren angelegten Internationalen Bauausstellung (IBA) der Metropolregion München, die das Thema „Räume der Mobilität“ vernetzt und über kommunale Grenzen hinweg bearbeitet.

Bereits 2013 waren für unsere Stadt ein Integriertes Klimaschutzkonzept und 2018 ein Mobilitätskonzept beschlossen worden: Begrenzte Platzverhältnisse, speziell im Innenstadtbereich, führen zu Konflikten zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln. Ein weiterer Ausbau der bestehenden Verkehrsanlagen, um mehr Kapazitäten für den Pkw-Verkehr zu generieren, ist kontraproduktiv für eine nachhaltige, klimaangepasste Stadtentwicklung, die dem Erhalt und, wo immer möglich, der Ausweitung von Frei- und Grünflächen ausdrücklich hohe Priorität einräumt. Mit einer Änderung der Abstandsflächensatzung, die seit Februar 2021 in Kraft ist, hat der Stadtrat bereits auf diese Anforderungen reagiert für eine Verbesserung der Grünstrukturen auf Baugrundstücken, die nicht zuletzt dem wichtigen Thema der Regenwasserversickerung zugutekommt.

Nicht nur aus stadtklimatischen Gründen ist städtisches Grün für ein lebenswertes Umfeld unverzichtbar: Wie die Erfahrungen in der Pandemie überdeutlich aufgezeigt haben, brauchen wir naturnahe Areale als schnell erreichbare, wertvolle Freizeit- und Erholungsgebiete. Über die Möglichkeiten der Bauleitplanung hinaus ist die Stadt Freising daher bestrebt, nachhaltige Mobilitätsformen ausdrücklich zu fördern, auch ganz praktisch durch das Angebot eines Mietsystems für E-Lastenräder beispielsweise.
Das Stadtplanungsamt wurde gestärkt durch Fachkräfte, die im Mobilitäts- und Klimaschutz-management nicht nur die Verwaltung beraten, sondern transparent und offen Zielsetzungen und Umsetzungsschritte in die Mitte der Bevölkerung transportieren. In einer engagierten, von der Stadt gestützten Agenda21-Arbeit spiegelt ehrenamtliches bürgerschaftliches Engagement wider, dass diese Themen in der Mitte der Bevölkerung angekommen sind – nicht erst, seit Gas- und Energiekrise ein breites Umdenken erzwungen haben.

Der Stadtrat hat schon im Januar 2020 eine „Freisinger Resolution zum Klimawandel“ beschlossen. Darin erkennt die Stadt „den globalen Klimanotstand“ an, erachtet „die Eindämmung des menschengemachten Klimawandels und dessen schwerwiegenden Folgen auch als eine kommunalpolitische Aufgabe von größter Dringlichkeit“ und verpflichtet sich zum aktiven Klimaschutz als zentraler Leitlinie für das Handeln von Politik und Verwaltung. Ein Maßnahmenbündel mit 24 Punkten soll die Freisinger Klima-Offensive sichtbar voranbringen; ein wichtiger Baustein ist das „Klimaanpassungskonzept Freising 2050“ (KLAPS50) mit Strategien, die eine Anpassung an den Klimawandel und seine lokalen Folgen ermöglichen. Diese Initiative hat das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr gewürdigt und Freising im November 2020 als eine von acht Kommunen für das neue Modellvorhaben „Klimagerechter Städtebau“ ausgewählt. Damit wird die Konzepterstellung mit 60 Prozent und bis zu 60.000 Euro gefördert.

Wichtige Weichenstellung für eine zukunftsfähige Stärkung des Marktes für klimagerechten und bezahlbaren (!) Wohnraum sind nicht nur in der Planung angelaufen, sondern längst in der Praxis erfolgt:
Bereits Mitte 2017 hat der Stadtrat einen Grundsatzbeschluss zum Kooperativen Baulandmodell zur Beschaffung bezahlbaren Wohnraums gefasst. Darin ist festgelegt, dass bei der Entwicklung von Wohnraum über ein Bebauungsplanverfahren ein entsprechender Anteil an sozialem Wohnungsbau vorzusehen und ein Teil der Infrastrukturkosten vom Planungsbegünstigten zu übernehmen ist. Durch städtebauliche Verträge zwischen Investoren und Stadt wird eine sozialgerechte Bodennutzung erreicht.
Im neuen Wohnquartier SteinPark, einem vormaligen Kasernenareal, wurde aktuell das letzte freie Grundstück ausdrücklich für genossenschaftliches Wohnen zur Verfügung gestellt. Ziel ist es, bezahlbaren Wohnraum mit sozialem Mehrwert zu schaffen. Entstehen können dort etwa 80 Wohnungen, das Vergabeverfahren läuft.
Auf den Weg gebracht wurde auch ein nachhaltig gestaltetes Bauprojekt für eine ökologische, klimaneutrale und familiengerechte Wohnsiedlung. Für acht Grundstücke, auf denen aktuell fünf Altbauten mit 68 meist kleineren Wohnungen stehen, ist eine zeitgemäße, qualitätsvolle Neubebauung geplant mit etwa 100 bezahlbaren und geförderten Mietwohnungen in verschiedenen Größen. Ökologische Werte und soziale Nachhaltigkeit sollen das „grüne Wohnquartier“ auszeichnen und somit das Ziel eines klimaneutralen Baugebiets erfüllen, wie es die Freisinger Klima-Offensive anstrebt. Über einen städtebaulichen Wettbewerb wird sichergestellt, dass auf dem 1,8 Hektar großen Gelände der vorhandene Baumbestand geschützt und als nutzbares Grün entwickelt wird. Zudem sind Luftschneisen zu berücksichtigen. Diese Freisinger Planung wurde als eines von zehn Modellprojekten des Experimentellen Wohnungsbaus für klimaangepasstes und nachhaltiges Bauen in ganz Bayern ausgewählt. Damit beteiligt sich der Freistaat finanziell im Rahmen der Wohnraumförderung und gibt außerdem Zuschüsse für den Realisierungswettbewerb.
Ende 2022 hat die Stadt ein sog. „Mehrgenerationenwohnen“ fertiggestellt: Rund 30,3 Millionen Euro wurden in den Neubau von 115 barriererefrei zugänglichen Wohnungen investiert. Für einen sparsamen Flächenverbrauch zugunsten eines günstigen Mietpreises wurde auf private Freiflächen verzichtet. Zum Ausgleich stehen der Hausgemeinschaft möblierte Gemeinschaftsflächen, Dachgärten und intensiv begrünte Innenhöfe mit Flächen zum Spielen und Gärtnern zur Verfügung.

Tobias Eschenbacher
Oberbürgermeister der Stadt Freising