Interview mit Frank-Tilo Becher, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Gießen

Empfehlung der dba

KONE GmbH

KONE GmbH

Aufzüge • Rolltreppen • Automatiktüren Wir gestalten die ...
marko brux möbel und innenausbau GmbH

marko brux möbel und innenausbau GmbH

Wir schreinern mehr als Möbel. Wir schreinern Lösungen ...
Optigrün international AG

Optigrün international AG

Natur hat Zukunft – mit der Kompetenz von ...

Verwandte News

Schleuse Kachlet in Passau

Sanierung der Schleuse Kachlet in Passau

Wien/Passau, 12.01.2026 – Seit 1927 ist das Donau-Stauwerk ...
Hessen im Wandel – zwischen Metropole und Land

Hessen im Wandel – zwischen Metropole un...

Interview mit Kaweh Mansoori, Hessischer Minister für Wirtschaft, ...
Luftaufnahme von Mainz

Entwicklung der Infrastruktur in der Met...

Im Rahmen des dba Magazins – Ausgabe Metropolregion ...
Titelbild zum Beitrag Standentwicklung in Rüsselsheim: Drohnenaufnahme der Stadt

Stadtentwicklung in Rüsselsheim am Main

Stadtentwicklung in Rüsselsheim | Im Rahmen des dba ...

Stadtentwicklung der Universitätsstadt Gießen | Im Rahmen des dba Magazins – Ausgabe Metropolregion Rhein-Main thematisiert Herr Frank-Tilo Becher, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Gießen, in einem Interview die aktuellen Herausforderungen und Konzepte der Stadt.

Frank-Tilo Becher, Oberbürgermeister von Gießen
Frank-Tilo Becher, Oberbürgermeister der Universitätsstadt Gießen. © Anna Voelske

dba Redaktion: Sehr geehrter Herr Becher, wir freuen uns, mit Ihnen über die städtebauliche Zukunft Gießens sprechen zu dürfen. Zum Einstieg interessiert uns: Welche Leitbilder oder Prinzipien prägen Ihre Strategien bei der Stadtentwicklung?

Becher: Stadtentwicklung ist für uns immer ein gesellschaftliches Projekt – sie muss ökologisch verantwortungsvoll, sozial ausgewogen und wirtschaftlich tragfähig sein. Wir orientieren uns an den Prinzipien der „gerechten, grünen und produktiven Stadt“, wie sie die Neue Leipzig-Charta formuliert. Das heißt: Wir wollen Lebensqualität sichern, Teilhabe ermöglichen und Innovation fördern – und das alles im begrenzten Raum einer kompakten Stadt. Dabei spielt der Gedanke der Gemeinwohlorientierung eine große Rolle. Gießen wächst, und wir wollen, dass dieses Wachstum nachhaltig gestaltet wird – mit durchmischten Quartieren, kurzen Wegen, klimagerechter Architektur und Raum für Gemeinschaft.

dba Redaktion: Viele Städte stehen vor der Herausforderung, begrenzte Flächen effizient zu nutzen, ohne Aufenthaltsqualität einzubüßen. Welche planerischen oder gestalterischen Instrumente setzen Sie hier ein?

Becher: Unsere Strategie ist die konsequente Innenentwicklung. Neue Flächen im Außenbereich sind in Gießen kaum vorhanden, daher setzen wir auf Nachverdichtung, Umnutzung und qualitätsvolle Konversion. In der Regel werden bei größeren Flächen Städtebauliche Rahmenplanungen oder Testplanungen bzw. parallelen Mehrfachbeauftragung vorgeschaltet. Ein zentrales Instrument ist die Konzeptvergabe: Städtische Grundstücke werden nicht allein nach Höchstpreis vergeben, sondern nach städtebaulicher, ökologischer und sozialer Qualität. Damit stellen wir sicher, dass Projekte zur Gesamtentwicklung des Quartiers beitragen. Auch die aktive Bürgerbeteiligung ist für uns wichtig – gerade bei größeren Vorhaben oder bei Vorhaben der sozialen Stadterneuerung und Quartiersentwicklung. So entsteht Stadtentwicklung als gemeinschaftlicher Prozess, nicht als reines Verwaltungsprojekt.

dba Redaktion: Auch der Wohnraummangel ist in den meisten Städten ein schwerwiegendes Thema. Wie schaffen Sie es, soziale Durchmischung und bezahlbares Wohnen mit Wirtschaftlichkeit zu verbinden?

Becher: Bezahlbarer Wohnraum ist eine soziale Verpflichtung – aber auch eine Frage von Steuerung und Partnerschaft. Wir haben dafür mit der städtischen Wohnbau Gießen einen zentralen Akteur und arbeiten eng mit Genossenschaften und privaten Investoren zusammen. In Neubaugebieten sichern wir über Städtebauliche Verträge Sozialquoten von rund 20 Prozent, hinzu kommen weitere zehn Prozent mietgeminderte Wohnungen.

Zugleich fördern wir den Umbau und die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden, weil nicht jede Wohnraumfrage durch Neubau beantwortet werden kann. Und natürlich spielt die kommunale Wärmeplanung eine Rolle: Sie schafft Investitionssicherheit für Eigentümerinnen und Eigentümer, etwa beim Heizungstausch oder bei Sanierungen. So verbinden wir Wirtschaftlichkeit mit sozialer Verantwortung.

dba Redaktion: Und wie stark fließen Aspekte wie Energieeffizienz, Mobilität oder klimaangepasstes Bauen in Ihre städtebauliche Planung ein?

Neubau Philisophenhöhe in Gießen
Bauvorhaben Philisophenhöhe. © Stadt Gießen

Becher: Diese Themen sind längst kein Zusatz mehr, sondern integraler Bestandteil unserer Planung. Wir denken jedes neue Quartier im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien, Vorkehrungen gegen Starkregenniederschläge, Grünflächengestaltungen und Mobilität. Das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität bis 2035 prägt unsere gesamte Stadtentwicklung. Ein Beispiel ist die Gießener Philosophenhöhe, wo durch Photovoltaik und Hochtemperaturspeicher ein nahezu energieautarkes Quartier entsteht. Auch werden wasserdurchlässige Oberflächen und intensive Begrünungen, Car- und Bike-Sharingangebote sowie E-Ladestationen mit einer ergänzenden 100%igen Lehrrohrverkabelung jedes Stellplatzes umgesetzt. Parallel investieren wir in nachhaltige Mobilität – Busverkehr, Radwege, Carsharing und eine Stadt der kurzen Wege. Klimaangepasstes Bauen bedeutet für uns, ökologische Verantwortung mit Lebensqualität zu verbinden.

dba Redaktion: Inwiefern verstehen Sie Begrünung als Teil der Stadtstruktur – also nicht nur als „Dekoration“, sondern als funktionales Element für Klimaresilienz und Aufenthaltsqualität?

Stromspeicher des Bauprojekts Philisophenhöhe
Hybridspeicher des Bauprojektes Philosophenhöhe (Technische Hochschule Mittelhessen)

Becher: Stadtgrün ist für uns Infrastruktur – genauso wichtig wie Straßen oder Leitungen. Bäume, Grünzüge und Entsiegelung leisten einen messbaren Beitrag zur Kühlung, zur Luftqualität und zur Lebensqualität in dicht bebauten Quartieren. Wir fördern durch Anreizprogramme Entsiegelungen, Dach- und Fassadenbegrünungen und pflanzen klimaangepasste Stadtbäume.
Die Aufenthaltsqualität von Stadträumen hängt stark davon ab, ob sie ein Mikroklima bieten, in dem sich Menschen gerne aufhalten. Deshalb betrachten wir Begrünung immer funktional: als Beitrag zu Klimaresilienz, Biodiversität und sozialem Miteinander.

dba Redaktion: Gibt es ein Bau- oder Stadtentwicklungsprojekt, das für Sie sinnbildlich für die Zukunft Gießens steht?

Visualisierung des Stadtentwicklungsprojekts Heyligenstaedt in Gießen
Visualisierung Heyligenstaedt in Gießen. © snøhetta / moka-studio

Becher: Die Philosophenhöhe ist sicher ein Leuchtturmprojekt, weil sie beispielhaft zeigt, wie sich ökologische Innovation, soziale Vielfalt und architektonische Qualität verbinden lassen. Aber auch das in Umsetzung befindliche Heyligenstaedt-Areal steht sinnbildlich für die Gießener Herangehensweise: ein innerstadtnahes Areal, das Wohnen, Hotelerweiterung, vielfältige Dienstleistungen und öffentlich zugängliche Räume mit einer sehr hochwertigen Architektur, Stadtgestaltung und Dach- und Fassadengestaltung zusammenführt. Solche Projekte zeigen, dass Stadtentwicklung mehr sein kann als das Errichten von Gebäuden – nämlich das Schaffen lebendiger, zukunftsfähiger und nachhaltiger Stadträume.

dba Redaktion: Wenn Sie Gießen im Jahr 2040 in einem Satz und mit Ihren Idealen beschreiben müssten – wie würde der lauten?

Becher: Gießen 2040 ist eine solidarische, ökologische und produktive Stadt, in der Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Lebensqualität zusammenfinden. Eine Stadt, die mit ihrer hohen Lebensqualität und guten Infrastruktur zeigt, dass Zukunft nicht in Metropolen entstehen muss, sondern überall dort, wo Menschen offen für neue, gute Wege sind.

Visualisierung Heyligenstaedt in Gießen. © snøhetta / moka-studio

dba Redaktion: Welche Bedeutung hat Gießen im Kontext der Metropolregion Rhein-Main – und welche Chancen tun sich durch die Nähe zu Frankfurt am Main auf?

Becher: Gießen ist das nördliche Tor zur Metropolregion Frankfurt Rhein-Main – und zugleich eines ihrer wissenschaftlichen Zentren. Mit der Justus-Liebig-Universität, der Technischen Hochschule Mittelhessen, zwei weiteren kleineren Hochschulen und vielen Forschungseinrichtungen bringen wir Know-how und Innovation in die Region ein. Wir profitieren von der Nähe zu Frankfurt, aber wir liefern auch Impulse zurück – etwa im Bereich Energie, Mobilität und Digitalisierung. Gießen verbindet Metropolnähe mit Lebensqualität und einem überschaubaren, menschlichen Maßstab – das ist ein klarer Standortvorteil.

dba Redaktion: Und mit Blick auf die kommenden Jahre: Welche größten Herausforderungen sehen Sie für Gießen in diesem Umfeld – und wie wird ihnen heute schon begegnet?

Becher: Die Herausforderungen sind klar: Klimawandel, sozialer Zusammenhalt, Fachkräftemangel und bezahlbarer Wohnraum. Wir begegnen ihnen mit integrierten Strategien. Dazu gehört unsere Klimaneutralitätsagenda ebenso wie die kommunale Wärmeplanung, die Förderung des sozialen Wohnungsbaus oder die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen. Zudem sehen wir uns als Stadt des Dialogs – mit Bürgerinnen und Bürgern, Hochschulen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Diese Zusammenarbeit ist unsere größte Stärke. Wenn es gelingt, sie zu bewahren, wird Gießen auch künftig eine Stadt bleiben, in der Fortschritt und Lebensqualität Hand in Hand gehen.