Interview mit Kaweh Mansoori, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum & stellvertretender Ministerpräsident.
Hessen steht vor großen Aufgaben und ebenso großen Chancen. Die Landesentwicklung bewegt sich zwischen dem Wachstum der Metropolregion FrankfurtRheinMain, den Herausforderungen des ländlichen Raums und dem Anspruch, nachhaltiges, wirtschaftliches und zukunftsfähiges Bauen zu fördern.
Das dba Magazin hat mit Minister Kaweh Mansoori über seine Visionen, aktuelle Schwerpunkte und den Ausblick auf die kommenden Jahre gesprochen.

Sehr geehrter Herr Minister Mansoori, wir freuen uns, mit Ihnen über Ihre Arbeit, Schwerpunkte und Visionen für die Zukunft Hessens sprechen zu dürfen. Zum Einstieg interessiert uns Ihre eigene Perspektive: Welche Themen und Projekte stehen für Sie in der Landes- und Städteentwicklung derzeit an oberster Stelle?
Wir befinden uns in einer Phase, in der zentrale Grundlagen der räumlichen Entwicklung in Hessen neu gesetzt werden. Besonders wichtig ist die Neuaufstellung der Regionalpläne, vor allem in Südhessen. Dort befinden wir uns in der ersten Offenlage, die erstmals verbindliche Dichtewerte, neue Vorranggebiete für Siedlungsflächen und die klare Priorität der Innenentwicklung festlegt. Dieser Prozess zeigt, dass wir Wachstum ermöglichen wollen, aber nicht auf Kosten unserer Freiräume.
Parallel stärken wir die fachliche Basis der Landesplanung. Das digitale Potenzialflächenkataster gibt den Kommunen ein präzises Werkzeug an die Hand, um Flächenpotenziale im Bestand zu erkennen und Brachflächen, Leerstände und Nachverdichtungsmöglichkeiten systematisch zu erfassen. Gleichzeitig bereiten wir das Monitoring des Zentrale Orte Systems neu auf, da die aktualisierte Bevölkerungsprognose neue Anforderungen an Daseinsvorsorge, Erreichbarkeit und Versorgung stellt.
Ein zentrales Anliegen ist zudem die Stärkung des gemeinschaftlichen Miteinanders in den Städten und Gemeinden. Mit dem Zukunftsbündnis für sozialen Zusammenhalt haben wir gemeinsam mit dem Hessischen Sozialministerium gleich zu Beginn meiner Amtszeit einen neuen Rahmen geschaffen, der Kommunen, Spitzenverbände, soziale Träger, Wissenschaft und Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Stiftungen zusammenbringt. Der Gedanke dahinter ist klar: Städtebau und soziale Infrastruktur gehören zusammen. Lebenswerte Quartiere entstehen dort, wo bauliche Entwicklung, Teilhabe und Nachbarschaft Hand in Hand gehen.
Welche Leitlinien prägen Ihre Politik, um Hessen als attraktiven Wirtschafts- und Lebensstandort weiterzuentwickeln?
Wir richten unser Handeln an drei Grundsätzen aus. Erstens an der Verbindung von Wachstum und Verantwortung. Hessen soll wirtschaftlich stark bleiben, aber dieser Erfolg muss mit sozialer Stabilität und ökologischer Zukunftsfähigkeit einhergehen.
Zweitens setzen wir auf regionale Wertschöpfung und kluge Planung. Attraktive Standorte entstehen dort, wo Wohnen, Mobilität, Arbeit, soziale Angebote und eine hochwertige Stadt- und Ortsentwicklung zusammenkommen.
Drittens pflegen wir eine Kultur der Kooperation. Raumordnung gelingt nur, wenn Land, Regionen und Kommunen gemeinsam handeln. Das betrifft die Metropolregion ebenso wie kleinere Gemeinden im ländlichen Raum. Die Herausforderungen sind unterschiedlich, aber die Grundidee ist dieselbe: Wir schaffen Verlässlichkeit und Gestaltungsspielräume.
Die Metropolregion FrankfurtRheinMain liegt als pulsierendes Zentrum zum Großteil in Hessen – wirtschaftlich stark, kulturell vielfältig, zugleich geprägt von einer hohen Verdichtung. Welche besonderen Herausforderungen bringt dieser Ballungsraum rund um Frankfurt am Main mit sich – zum Beispiel beim Wohnen, der Mobilität oder dem Flächenverbrauch?
Die Metropolregion trägt viel zum Wohlstand Hessens bei, aber sie steht gleichzeitig unter enormem Druck. Die Flächenkonkurrenz ist hoch. Wohnen, Gewerbe, Verkehr, Freiraum, Landwirtschaft und erneuerbare Energien beanspruchen denselben Raum. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, Verkehrsachsen sind ausgelastet und klimatische Belastungen wie urbane Hitze nehmen zu.
In der Regionalplanung reagieren wir darauf mit neuen Siedlungsflächen, höheren Dichtewerten von bis zu sechzig Wohneinheiten pro Hektar im großstädtischen Bereich und einer konsequenten Fokussierung auf Innenentwicklung. Dazu gehören Aufstockungen, Nachverdichtung, die Reaktivierung von Brachflächen und die Nutzung digitaler Flächenkataster.
Gleichzeitig braucht die Region eine enge Abstimmung über Ländergrenzen hinweg. FrankfurtRheinMain ist Teil eines europäischen Wachstumsraums und steht in engem Austausch mit den Regionen Rhein-Neckar, Rhein-Main und Benelux. Wettbewerbsfähigkeit entsteht durch koordinierte Infrastruktur, abgestimmte Siedlungsentwicklung und nachhaltige Freiraumsicherung.
Wie lässt sich die Verkehrsinfrastruktur in und um Frankfurt am Main nachhaltig entlasten und zugleich leistungsfähig gestalten und welche konkreten Maßnahmen werden hierfür aktuell schon umgesetzt?
Die Region braucht eine leistungsfähige, klimafreundliche Mobilität. Daher investieren wir deutlich in den Schienenverkehr. Die Modernisierung der Riedbahn, die Realisierung der Nordmainischen S-Bahn und Taktverdichtungen im Regionalverkehr sind zentrale Projekte, die mehr Kapazität schaffen und Pendlerinnen und Pendlern verlässliche Alternativen bieten.
Entscheidend ist jedoch die enge Verbindung von Mobilität und Raumplanung. Wer neue Quartiere schafft, muss kurze Wege, gute Anbindungen und multimodale Angebote wie Park und Ride, Bike und Ride sowie moderne Sharing Systeme gleich zu Beginn mitdenken. Nur so entsteht ein leistungsfähiges und nachhaltiges Verkehrssystem für die gesamte Metropolregion.
Hessen ist weit mehr als seine größte Metropole. Welche Programme stärken derzeit die ländlichen Räume? Gibt es funktionierende Strategien, die die Abwanderung in Großstädte verhindern und jungen Menschen neue Perspektiven vor Ort bieten?
In den ländlichen Räumen entscheidet sich, ob Hessen ein Land mit gleichwertigen Lebensverhältnissen bleibt. Das Prinzip der Zentralität spielt dabei eine wichtige Rolle. Es ist etwa Teil des Kommunalen Finanzausgleichs und stellt sicher, dass zentrale Einrichtungen wie Schulen, medizinische Angebote oder kulturelle Räume tragfähig bleiben.
Programme wie LEADER, die Dorfentwicklung oder die Städtebauförderung unterstützen Kommunen bei der Modernisierung von Ortsmitten, der Aufwertung öffentlicher Räume und der Entwicklung wohnortnaher Angebote. Viele Städte und Gemeinden im ländlichen Raum profitieren zudem vom Landesprogramm Zukunft Innenstadt, das bewusst auch kleinere Zentren einbezieht.
Wesentlich ist der kooperative Ansatz. Gute Projekte entstehen dort, wo Bürgerinnen und Bürger, Vereine, lokale Unternehmen und Kommunen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Zukunft im ländlichen Raum entsteht aus Beteiligung, Identifikation und konkreten Perspektiven.
Welche Förderprogramme gelten aktuell als wichtigste Instrumente, um nachhaltiges Bauen und die Städteentwicklung im Land voranzubringen?
Das Landesprogramm Zukunft Innenstadt sowie die Bund-Länder-Programme Sozialer Zusammenhalt, Lebendige Zentren und Wachstum und nachhaltige Erneuerung bilden das Rückgrat der Stadtentwicklungspolitik. Sie ermöglichen Modernisierung, Aufwertung des öffentlichen Raums, Klimaanpassungsmaßnahmen, Bestandsentwicklung und soziale Infrastruktur.
Das Bündnis für die Innenstadt, das gemeinsam mit Verbänden und Institutionen arbeitet, unterstützt Kommunen bei innovativen Ansätzen für lebendige Zentren. Die Programme sind bewusst einfach und flexibel gestaltet, damit die Kommunen schnell reagieren können. Jede Investition löst zusätzlich private Folgeinvestitionen aus und entfaltet daher eine starke wirtschaftliche Wirkung.
In welchen Bereichen sehen Sie in Bezug auf die Städteentwicklung den größten Aufholbedarf und wo wird derzeit mit besonderem Nachdruck nach neuen Lösungen gesucht?
Besonders dringlich ist die Klimaanpassung. Hitze, Starkregen und Dürren stellen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Wir unterstützen Maßnahmen, die Freiräume sichern, Wasser in den Städten zurückhalten, neue Grünstrukturen schaffen und die Bauweise resilienter machen.
Ein zweites zentrales Thema ist der soziale Zusammenhalt. Die Anforderungen an Quartiere steigen, die gesellschaftliche Vielfalt nimmt zu und der Druck auf den Wohnungsmarkt ist spürbar. Das Zukunftsbündnis für sozialen Zusammenhalt entwickelt hier gemeinsam mit Kommunen neue Lösungsansätze.
Dazu kommt die Zukunftsfähigkeit der Innenstädte. Sie müssen sich weiterentwickeln und zu echten multifunktionalen Orten werden, in denen der Einzelhandel, Wohnen, Arbeiten, Kultur und Bildung selbstverständlich zusammenkommen. Wir müssen unsere Zentren lebendig halten.
Abschließend eine persönlichere Frage: Was wünschen Sie sich für die bauliche Zukunft Hessens – insbesondere in der Metropolregion FrankfurtRheinMain?
Ich wünsche mir ein Hessen, das mit Mut und Weitsicht gestaltet. Unsere Städte und Gemeinden sollen Orte sein, in denen bezahlbarer Wohnraum, soziale Mischung und hochwertige Freiräume selbstverständlich sind. Auch in der Metropolregion FrankfurtRheinMain brauchen wir eine intelligente Verdichtung, die Lebensqualität bewahrt und Klima-Resilienz stärkt.
Nachhaltige Stadtentwicklung ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Wenn Land, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürger gemeinsam handeln, kann Hessen zu einer Modellregion für gerechtes, modernes und lebenswertes Bauen werden.
Herr Minister Mansoori, wir danken Ihnen herzlich für Ihre Zeit und die spannenden Einblicke. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!
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