Sozial-ökologische Wende auf dem Bau: Marburg zeigt, wie`s geht

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Dr. Thomas Spies
Oberbürgermeister Marburg
© Stadt Marburg

Zukunftsorientierter Wohnungsbau auf dem Weg zur Klimaneutralität 2030
Historisches Fachwerk, mittelalterliche Gebäude, dominanter Brutalismus und lichte, moderne Bauten prägen die unverwechselbare Architektur der Universitätsstadt Marburg. Hier verbinden sich historisch gewachsene Strukturen der Kernstadt mit 15 Außenstadtteilen. Die Philipps-Universität – jede*r dritte Einwohner*in Marburgs studiert oder arbeitet an der Uni – gehört mit ihren über die gesamte Stadt verteilten Gebäuden untrennbar zum Stadtbild. Die Uni, der Pharmastandort – gegründet von Emil von Behring, heute unter anderem Produktionsstandort von Biontech – und die Heilige Elisabeth prägen den Geist der vielfältigen, bunten und weltoffenen Stadt zwischen zwei Bergen im Lahntal Mittelhessens.
Marburg ist eine Stadt, die Geschichte und Moderne verknüpft – in der Architektur und in der Stadtgesellschaft. Marburg ist wissenschaftlich und sozial geprägt. Und genau deshalb übernimmt Marburg Verantwortung und gestaltet die Stadtentwicklung zukunftsorientiert, nachhaltig und möglichst klimaneutral.

Herausforderungen der Gegenwart: Bezahlbarer Wohnraum und die Klimakrise
Die Universitätsstadt Marburg ist Oberzentrum für die Region in Mittelhessen – sie bietet Kultur, Sport, Einkaufsmöglichkeiten und viele mehr für die Menschen über die Stadtgrenzen hinaus. Und: Sie bietet zahlreiche Arbeitsplätze für Pendler*innen. Damit ist Marburg für viele Menschen auch als Wohnort beliebt. Allerdings wirkt sich das auf den Wohnungsmarkt aus.
Die InWiS-Studie von 2013 zeigte bereits damals, dass es in Marburg ein hohes Defizit an bezahlbarem Wohnraum gibt. Seither arbeiten die Stadtverwaltung und die Stadtpolitik auf vielen Ebenen daran, geförderten und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Und das setzt Marburg einerseits um, indem die städtische Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau deutlich mehr neue Wohnungen baut und indem gemeinschaftliche Wohnformen gefördert werden. Und indem die Stadt andererseits eine Sozialwohnungsquote festgelegt hat. Das bedeutet, überall dort, wo ein neuer Bebauungsplan erstellt wird, ist direkt festgelegt: ab 10 Wohneinheiten müssen 30 Prozent Sozialwohnungen sein (bislang waren es 20 Prozent ab 20 Wohnungen).
Umgesetzt wurde der Wohnungsbau bisher vor allem nach dem Prinzip „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“. Als kleine Stadt zwischen zwei Bergen kommt Marburg da aber mittlerweile an Grenzen, arbeitet daran, innerstädtische Gewerbeflächen in Mischgebiete umzuwandeln und eine der letzten größeren Grünflächen in der Nähe der Innenstadt zu entwickeln. Für die Nachfrage reicht das nicht. Deswegen müssen neue Siedlungen geschaffen werden – mit besonderem Blick auf geringen Flächenverbrauch, klimaarme Bauweise und klimaneutrales Leben im Quartier.
Denn: die Klimakrise stellt uns alle vor Herausforderungen, die wir anpacken müssen. Dazu gehört es auch, Bodenverbrauch zu minimieren und CO2-arm zu bauen. Außerdem muss die Stadtentwicklung nachhaltig und möglichst klimaneutral sein – und dabei zugleich die Bedürfnisse der Menschen und die Folgen des Klimawandels in den Blick nehmen. Vielfältige Herausforderungen also, der sich unsere kleine Universitätsstadt angenommen hat. Und die Marburg politisch damit bekräftigt hat, Klimaneutralität bis 2030 zu beschließen.

„Städte für Menschen“ bauen
Der international erfolgreiche dänische Stadtplaner Jan Gehl hat Marburg besucht und ein paar Tipps dagelassen, die in die Stadtentwicklung einfließen und das Ziel bestimmen: Städte sind für Menschen da, sie sollen Aufenthaltsqualität und Lebensqualität bieten. Bei genauem Hinsehen verbindet sich das Ziel der „Städte für Menschen“ bestens mit dem Ziel einer klimaneutralen Stadt. Zur klimaneutralen Stadt gehört es, die Versiegelung von Flächen zu minimieren, nachwachsende Rohstoffe zu nutzen und vor allem, den CO2-Ausstoß zu minimieren – durch attraktive Alternativen zum eigenen Auto, durch nachhaltige Energiegewinnung und durch die energetische Sanierung von Gebäuden. Die städtische
Gewobau geht hier mit gutem Beispiel voran und packt Bestandsgebäude in neue Hüllen, investiert in Photovoltaik und Dachbegrünung zur energetischen Sanierung – mit Förderung der Stadt warmmietenneutral. Denn: Klimaschutz darf keine soziale Frage werden.
Gerade die Energiewende, die Mobilitätswende und die geringere Versiegelung von Flächen sorgen dann auch dafür, dass mehr Freiräume und eine lebenswertere Umgebung für Menschen entstehen. Zur „klimaneutralen Stadt für Menschen“ gehören außerdem Parks und Grünflächen, Teiche, Bäche und Brunnen. Und hier ist gleich ersichtlich: Sie sorgen für ein besseres Klima und bringen gleich mehr Orte, die gerade an heißen Tagen zum Aufhalten und Begegnen einladen.

Soziale Stadtentwicklung in der Praxis: Bauland für gemeinschaftliches Wohnen
Zu einem guten Klima gehört auch das soziale Klima in einer Stadt. Die Sozialwohnungsquote ist ein Instrument, um Quartiere sozial zu durchmischen. Gemeinschaftsflächen sorgen ebenso für soziales Miteinander – genauso wie Projekte für gemeinschaftliches Wohnen. Hier fördert die Stadt das Engagement der Bürger*innen und hat dafür ein Konzeptverfahren entwickelt, das nun erstmals angewendet werden soll: Es entsteht das Bauprojekt „Oberer Rotenberg“ mit Flächen, die für gemeinschaftliches Wohnen reserviert sind. Wer bekommt diese Flächen? Die Gruppe mit der „besten“ Idee für nachhaltiges Wohnen oder soziale Vernetzung im Quartier. So können Politik und Stadtverwaltung städtebauliche Entwicklungen
steuern, weil sie ein strategisches Instrument für eine ausgewogene, nachhaltige und lebendige Quartiersentwicklung haben, durch das sie kommunale Grundstücke nicht im Bieterverfahren zum Höchstpreis abgeben müssen.
Wenn sich das Instrument beim Pilotprojekt bewährt, wird es anschließend weiterentwickelt und auch bei weiteren Baugebieten und Immobilien angewendet.

Nachhaltige Stadtentwicklung in der Praxis: Klimaneutrales Zukunftsquartier entsteht
Soziales Klima und Klimaneutralität sollen in einem weiteren zentralen Projekt in Marburg eine bedeutende Rolle spielen: Bei der Entwicklung des Zukunftsquartiers Hasenkopf. Von Beginn an ging es darum, bezahlbares und klimaneutrales Wohnen unter ein Dach zu bringen. Und weil das nur zusammen mit der gesamten Stadtgesellschaft gelingen kann, hat die Stadt einen breiten Beteiligungsprozess angelegt. In Spaziergängen vor Ort und bei Workshops haben die
Marburger*innen selbst festgelegt, wie das Quartier mal werden soll – sie wünschten sich etwa Gemeinschaftsgärten, eine gute ÖPNV-Anbindung, klimaschonende Bauweise, einen Blick auf den Umgang mit Starkregen und geringe Flächenversiegelung. Und: Das neue Quartier soll sich an den bestehenden Stadtteil angliedern, eine Verbindung schaffen. Mit den Kriterien und Wünschen der Bürger*innen hat die Stadt einen städtebaulichen
Wettbewerb ausgeschrieben. Mehrere Architekt*innen haben sich daran beteiligt und spannende Entwürfe eingereicht. Nun gibt es mit dem Siegerentwurf ein klares Konzept für zukunftsweisenden und nachhaltigen Städtebau unter dem Motto „Hasenkopf – Leben in guten Nachbarschaften“ mit 330 Wohneinheiten für ganz unterschiedliche Menschen – und in guter Nachbarschaft zur umliegenden Natur, mit Grünflächen, einem Quartiersparkhaus, einem Gästehaus und ganz vielen Gemeinschaftsflächen. Es ist ein Vorzeigeprojekt, das zeigen wird, wie Menschen in naher Zukunft in gutem Klima miteinander und der Natur zusammenleben können – und das Vorbildcharakter für die weitere Stadtentwicklung in Marburg und anderen Städten haben wird.


Dr. Thomas Spies
Oberbürgermeister